Reise zum verwunschenen Ort

PA120318 in Zwergenhöhle von Herrenstrunden

Zwergenhöhle bei Herrenstrunden

Wer eine Reise zum Mittelpunkt der Erde macht, kann laut Jules Verne ganz schön was erleben. Zwergen und Trollen ist der Schriftsteller in seinen Romanen begegnet. An unterirdischen Gestaden haben sich seine Helden getummelt. Alles schön und gut. Aber so weit hätten die Leute gar nicht fahren müssen. Eine Reise zum Mittelpunkt des Rheinisch-Bergischen Kreises tut es auch. Denn um in die Welt von Wichten, Höhlen, Korallenriffen und unterirdischen Quellen einzutauchen, reicht eine Tour nach Herrenstrunden.

Etwa 700 Meter nördlich des Ortes liegt er tatsächlich – der Mittelpunkt des Kreisgebietes. Nun gut, irgendwo muss er ja sein. Aber im Falle Rhein-Berg ist er nicht irgendwo. Der Zufall will es, dass ziemlich genau ein kleiner Ort im Zentrum liegt, den Geheimnisse umranken: Die Zwergenhöhle.

So richtig bekannt ist sie nur wenigen Menschen. Sie ist auch nicht leicht zu finden, obwohl man sich jenseits der Landstraße 286 nur ein paar Hundert Meter seitlich in die Büsche schlagen muss. Ein kleiner Trampelpfad in Richtung Eikamp führt zur Höhle, die fast auf der Grenze von Bergisch Gladbach und Odenthal liegt. Ein Hinweisschild zeigt, dass man angekommen ist. Und wenn man es bis Oktober noch versucht, kann man sogar reingehen. In den Wintermonaten ist die Zwergenhöhle mit einem massiven Eisengitter versperrt. Nicht, weil die kleinen Wichte hier Schabernack mit unangemeldeten Besuchern treiben, sondern weil Fledermäuse in aller Ruhe überwintern wollen.

Die Trolle, die hier mal gewohnt haben sollen, sind der Sage nach sogar ziemlich nette Kerlchen gewesen. Das hat der Bergisch Gladbacher Heimatforscher Herbert Stahl herausgefunden, der eigentlich alles weiß, was sich in grauer Vorzeit an der Strunde ereignet hat. Stahl: „Mündlichen Überlieferungen zufolge pflegten die Bewohner der Zwergenhöhle regen Kontakt zur Herrenstrundener Bevölkerung. Dabei entpuppten sie sich als dienstbare Geister, die in der Nacht aufs Vieh aufpassten, Schuhe besohlten und sauber machten.“ Abgehauen sind sie, als das Christentum eingeführt wurde. Denn die Zwerge waren Heiden.

Deshalb wird man ihnen heute auch nicht mehr begegnen. Doch die Zwergenhöhle hat nichts von ihrem geheimnisvollen Reiz verloren. Denn sie liegt nicht nur inmitten eines verwunschenen Buchenwaldes. Hier findet man auch Millionen Jahre alte Abdrücke von Korallenriffen und andere Fossilien. Wie das kommt, weiß der Diplom-Geologe Hans Dieter Hilden. Der Bergisch Gladbacher ist auch Bezirksvorsitzender des Sauerländischen Gebirgsvereins.

Also: Vor über 400 Millionen Jahren war durch die Kollision verschiedener Kontinentalplatten ein riesiger Nordkontinent entstanden, der von Nordamerika bis Sibirien reichte. Das heutige Europa lag südlich des Äquators und wies ein tropisches Klima auf. Ein Meer bedeckte das Gebiet des Bergischen Landes. Es bildeten sich Inseln und Korallenriffe. Leider war dann irgendwann Schluss damit: Die heutigen Kontinente formten sich, drifteten auseinander und nahmen langsam ihren jetzigen Platz ein. Doch Spuren der einstigen Tropen-Vegetation drifteten mit. So kann man an der Zwergenhöhle heute noch Abdrücke von Korallen finden, ohne lange suchen zu müssen. Sie liegen einfach so herum.

Die Gegend ist ohnehin wie ein offenes Buch der Erdgeschichte. Schuld daran sind die vielen wilden Steinbrüche, aus denen die Bevölkerung vor hundert und mehr Jahren Kalk für den Hausbau gebrochen hat. „Seit 200 Jahren wird diese Bergisch Gladbacher-Paffrather Mulde geologisch erforscht“, weiß Hans Dieter Hilden. „Zunächst zogen vorzüglich erhaltene Reste von Meerestieren die Aufmerksamkeit auf sich. Bedeutende Gelehrte aus den Anfängen der Geowissenschaften studierten hier die Anatomie der urzeitlichen Organismen.“

Doch der kalkhaltige Boden hat noch für ein weiteres Phänomen gesorgt. Trotz des mitunter reichlichen Regens gibt es an dieser Stelle keine Wasserläufe. Zumindest keine überirdischen. Das Wasser sammelt sich in unterirdischen Hohlräumen und tritt erst in Herrenstrunden in einer regelrechten Quelle wieder zutage – ähnlich wie bei der wesentlich berühmteren Donau-Versickerung. Kein Wunder, dass die Bevölkerung seinerzeit sehr offen war für Geschichten von fleißigen Zwergen, verwunschenen Höhlen und verschwundenem Wasser.

von MALTE EWERT, 26.08.05

Quelle: rhein-berg-online.ksta.de